Psychosomatik

Psychosomatik: Wenn immer mehr Untersuchungen immer kränker machen

„Ich weiß gar nicht, was ich bei Ihnen soll“, eröffnet Frau G. das Erstgespräch. „Ich habe Magenschmerzen, mir ist übel, schwindelig, dann schwitze ich mal und im nächsten Moment ist mir kalt. Warum mein Doktor mich zu einer Psychotherapeutin geschickt hat, ist mir schleierhaft. Ich hab doch keinen an der Waffel.“ Auf Nachfrage erzählt Frau G., dass sie nun schon seit einigen Monaten unter  verschiedenen körperlichen Symptomen leidet.  Sie ist schon bei Ihrem Hausarzt gewesen, hat sich einer Magen- und Darmspiegelung unterzogen, hat eine weitere Internisten konsultiert, sich vom Frauenarzt gründlich untersuchen lassen und einen Heilpraktiker zu Rate gezogen. Keiner habe irgendetwas gefunden, das ihre Beschwerden verursacht. Frau G. ist verzweifelt: „Ich versteh das nicht. Mir ist doch wirklich schlecht und mein Magen tut richtig weh. Ich bilde mir das doch nicht ein!“

Wie Frau G. ergeht es etwa 10 Prozent aller Menschen in der Bundesrepublik. Sie leidet unter einer sogenannten „somatoformen Störung“. Kennzeichnend ist hier:

  1. Den betroffenen Menschen geht es körperlich schlecht.  Sie leiden seit mehr als  6 Monaten  z.B. unter Erbrechen und Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Ermüdung, Erschöpfung , Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates , Herzschmerzen, starkem Schwitzen, Schwindel mit Ohnmachtsneigung u.a.m. Meist kommen mehrere der genannten Krankheitsanzeichen vor; mal macht das eine mehr Beschwerden, mal das andere.
  2. Für all diese Krankheitsanzeichen gibt es keine körperliche Ursache. In keiner der vielen Untersuchungen findet sich etwas, dass das Ausmaß an Leiden erklären könnte. Auch bei Frau G. führt diese Diskrepanz zwischen tatsächlichen Beschwerden und der Auskunft der Ärzte, keine Ursache zu finden, dazu, immer mehr Ärzte aufzusuchen und weitere Untersuchungen machen zu lassen. Sie ist fest davon überzeugt, dass es eine körperliche Ursachen geben müsse. Und wenn die gefunden werde, so die Hoffnung, könne man sie behandeln, und dann ginge es ihr wieder gut.

Frau G. ist in einen Teufelskreis geraten, der für die somatoformen Erkrankungen typisch ist: In der Annahme, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt, achtet sie sehr genau auf ihren Körper. Jede körperliche Veränderung erfüllt sie mit Angst und Besorgnis. Sie grübelt viel, liest Gesundheitsbücher, googelt im Internet Symptome nach und schaut im Fernsehen Sendungen zu medizinischen Themen. Innerlich ist sie angespannt, und ihr Körper gerät in eine Stresssituation. Frau G. fühlt sich krank und geht zum Arzt. Der findet nichts, was sie kurz erleichtert aber langfristig ratlos lässt: Sie hat doch wirklich Magenschmerzen!  Jetzt achtet sie noch genauer auf ihren Körper…

Die Wege, die aus dem Teufelskreis führen, sind nicht medizinischer Natur.
Frau G. kann ich versichern, dass Sie Recht hat. Sie hat „keinen an der Waffel“ und sie bildet sich ihre Symptome nicht ein. Trotzdem ist sie hier in der Psychotherapie richtig. Wir können gemeinsam Wege aus dem Teufelskreis heraus finden.

Wichtig werden hier 5 Wegmarken sein:

  1. Gelassenerer Umgang mit körperlichen Veränderungen:
    Statt z.B. Magenschmerzen als Zeichen für ein Geschwür zu halten, harmlosere Erklärungen dafür finden, wie: Das Essen nicht so gut vertragen, Aufregung gehabt (ist mir auf den Magen geschlagen).
  2. Entspannungstechniken erlernen:
    Durch die vielen Sorgen und Ängste ist das Innere sehr angespannt, der Körper unter Stress. Hier ist es wichtig, loslassen zu lernen und Verkrampfungen zu lockern.
  3. Lenkung der Wahrnehmung:
    Mehr auf das achten, was der Körper alles noch gut kann, was gut funktioniert. Sich mehr mit schöneren Dingen beschäftigen als mit Krankheitssorgen.
  4. Körperliche Betätigung und gesunde Ernährung:
    Wenn man sich zu viel schont, macht das schlapp und krank. Behutsam die körperliche Fitness steigern, dabei das tun, was Spaß macht. Auf eine gesunde Ernährung achten und so die Widerstandskraft verbessern.
  5. Angemessene Anzahl von Arztbesuchen und Untersuchungen:
    Die empfohlenen Untersuchungen regelmäßig absolvieren, das ist und bleibt wichtig. „Doctor shopping“ drangeben, denn es lenkt wieder die Aufmerksamkeit auf das, was nicht funktioniert, erhöht den Stress, enttäuscht, wenn wieder nichts „richtiges“ gefunden wird.

So kann ein Gesundheitskreis entstehen: Gelassenheit und innere Entspannung „entstressen“ ; der Köper ist fitter und belastbarer und produziert weniger Beschwerden, die sich dann auch immer weniger bemerkbar machen.

Veröffentlicht in „Witten transparent“, Heft November 2010