Eigenliebe und Narzissmus

Warum Narzissten sich selbst nicht lieben können

Meistens gebrauchen wir das Wort „Liebe“ um eine Beziehung zwischen uns und jemand anderem zu beschreiben. Wir kennen jedoch auch Begriffe wie „Selbstverliebtheit“, „Eigenliebe“ oder Selbstbezogenheit (Egoismus). Sie verweisen auf die Beziehung, die wir zu uns selbst haben. Ist es eigentlich gut oder schlecht, sich selbst zu lieben? Darf man das? Sollte man das?

Beschäftigen wir uns einmal mit einem der prominentesten Selbstverliebten – dem Narziss. Der griechischen Sage nach war er von wahrhaft göttlichem Blut – sein Vater war ein Flussgott, seine Mutter eine Nymphe. Schon von Geburt an ist Narziss also etwas Besonderes – und außerdem noch von großer Schönheit. Viele verlieben sich vergebens in ihn, darunter auch die Bergnymphe Echo. Narziss weist auch sie ab, woraufhin Echo an gebrochenem Herzen stirbt. Die Göttin des gerechten Zorns, Nemesis, rächt Echo, indem sie Narziss mit unstillbarer Liebe zu sich selbst straft. In der Seele einsam irrt Narziss umher, bis er in einem See sein Spiegelbild erblickt. Er wird davon so sehr in den Bann gezogen, dass es ihn ins Wasser zieht, und er ertrinkt. An seinem Platz, dem Ufer vor dem See, erblüht eine Narzisse.

Wir nennen heute jemanden „Narzissten“, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und viel Lob und Anerkennung fordert. Wie der antike Narziss verfügt auch der moderne meist über beträchtliches Charisma. Er ist oft beruflich sehr erfolgreich und verfügt über einen großen Bekanntenkreis. Sein Glanz zieht viele Menschen an, die hoffen, dass auch etwas davon auf sie abstrahlt. Kritik mag der moderne Narziss gar nicht, geizt aber selbst keinesfalls damit. Ihm einen Fehler nachzuweisen, kommt einer Todsünde gleich. Regeln, so meint „unser“ Narzisst, sind für andere da, die sich gefälligst daran zu halten haben. Er selbst steht darüber, genießt sozusagen VIP-Status.

Mal ehrlich – so richtig sympathisch klingt das nicht. Faszinierend, schillernd und unterhaltsam – ja. Aber vertrauenswürdig und liebenswert? Eher nicht. Und genau da kommt ein weiterer, ganz wesentlicher Punkt ins Spiel. Ein Narzisst hat ein gespaltenes Selbstbild. Die eine Seite haben wir beleuchtet – die schillernde, glänzende Fassade: Seht her, wie toll ich bin! Die andere Seite ist genau entgegengesetzt: Im tiefsten Innern ist der Narzisst nämlich davon überzeugt, dass er bedeutungslos und ganz und gar nicht liebenswert ist. Grund hierfür ist häufig ein Erziehungsstil, bei dem höchstens Leistung belohnt und Fehler oder Schwächen sanktioniert werden. Lob und Anerkennung gibt es insgesamt sehr wenig. Falls gelobt wird, dann wird nie das Kind/der Jugendliche selbst gelobt, sondern nur dass, was es/er in den Augen der Eltern richtig gemacht hat. Manchmal gibt es aber nichts, was das Kind, bzw. der Jugendliche richtig machen könnte (es wird immer nur das Haar in der Suppe gesehen). Also versucht das Kind und später der Jugendliche alles, um vor allem sich selbst ein wenig schöner und besser aussehen zu lassen als er wirklich ist. Die negative Grundüberzeugung, kein besonders wichtiger und wertvoller Mensch zu sein, verfestigt sich. Diese Überzeugung veranlasst den narzisstischen Erwachsenen, viel Wirbel nach außen zu machen und seine Fassade auf Hochglanz zu polieren. Jeder möge sich von der Fassade blenden lassen, damit niemand sieht, wie es wirklich in ihm aussieht. Ein Narzisst denkt: „Wenn jemand merkt, wie ich wirklich bin, wird er mich verachten und sich von mir abwenden.“ Also lässt er auch niemanden wirklich an sich heran – und hier schließt sich jetzt der Kreis zum antiken Narziss. Wie auch dieser ist der moderne Narzisst im Inneren zutiefst einsam. Der Egoismus, die Selbstbezogenheit des Narzissten ist eben keine Form der Liebe – auch keine Selbst-Liebe. Der Narzisst schätzt sich nicht wirklich selbst, sondern hält sich für mangelhaft und minderwertig.

Vom Christentum kennen wir das „Doppelgebot der Liebe“: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Wenn ich es von der anderen Seite her lese, klingt es so: Liebe Dich so, wie Du Deinen Nächsten liebst. Respektiere Deine Existenz mit all ihren Stärken und Fehlern ebenso, wie Du es bei dem Menschen tust, der Dir am nächsten ist. Das wäre wahrhaftige Selbst-Liebe – und gerade kein Narzissmus.