Essstörungen

Essstörungen

Das Thema dieser Ausgabe von Witten transparent lautet „Ernährung“. Essen bedeutet für den meisten Menschen jedoch viel mehr, als den Körper mit notwendiger Energie zu versorgen. In der Familie trifft man sich (idealerweise) zu regelmäßigen Mahlzeiten, erzählt sich vom Tag, von schönen Erlebnisse, Sorgen oder Ärgernissen. Paare lassen sich beim Candle Light Dinner in romantische Stimmung versetzen, Freunde gehen gemeinsam essen oder kochen für einander. Die gemeinsame Essensaufnahme kann einen Rahmen für Geselligkeit in einer warmen, fürsorglichen Atmosphäre bieten. Vielleicht sind es auch diese Verknüpfungen, die einige von uns bei Kummer und Frust dazu verleiten, Trost in übermäßigem oder besonders süßem Essen zu suchen?

Aus der Stressforschung wissen wir, dass es hierbei 2 Typen von Menschen gibt; manche neigen in stressigen Zeiten zu übermäßigem Essen, anderen schnürt es eher den Magen zu. In der Entwicklung der Menschheit waren beide Strategien sinnvoll: Wenn Hungersnot droht, ist es ratsam, für ein Polster zu sorgen. Steht jedoch eine Flucht zu befürchten, ist es sinnvoll, möglichst leicht und beweglich zu sein. Glücklicherweise sind in unserer Gesellschaft die meisten Menschen weder von Hungersnot noch von Katastrophen bedroht, vor denen geflüchtet werden muss, bzw. kann.

Unsere Stressfaktoren sind anderer Natur, nicht weniger belastend und wirken sich häufig auf unser Essverhalten aus.
Auch bei psychischen Erkrankungen sind Nahrungsaufnahme und Körpergewicht betroffen: So berichten z.B. depressive Menschen häufig von Appetitverlust und unbeabsichtigter Gewichtsabnahme.
Ist das Essverhalten das Hauptproblem, kann es als eigenständige psychische Krankheit diagnostiziert werden.
Die „Internationale Klassifikation psychischer Störungen“, das ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation, unterscheidet 2 Hauptgruppen:

  1. Die Anorexia nervosa (auch Anorexie oder Magersucht genannt) und
  2. Die Bulimia nervosa (auch Bulimie oder Ess- und Brechsucht genannt)

Interessanterweise gehört Adipositas, also Übergewicht nicht zu den psychischen Essstörungen. Es lässt sich darüber streiten, wie sinnvoll das ist.
Sowohl bei der Anorexie wie auch bei der Bulimie steht die Angst vor Gewichtzunahme im Vordergrund. „Angst“ meint hier echte, große Angst und nicht nur eine Besorgtheit. Allein der Gedanke zuzunehmen, kann Unruhe, Unwohlsein, Herzrasen und weitere Angstsymptome auslösen. Das ist so gravierend, dass die Betroffenen alles tun, um dieses Gefühl zu vermeiden: Entweder indem sie, wie die anorektischen Patienten, viel zu wenig essen und meist intensiv Sport dabei betreiben – oder indem sie, wie die bulimischen Patienten, nach dem Essen absichtlich erbrechen und Abführmittel konsumieren.

Eine typische anorektische Patientin (es sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen) ist etwa 16 Jahre jung und deutlich erkennbar zu dünn. Das heißt, für alle anderen ist es deutlich – die Patientin selbst sieht das nicht so. Ihre Wahrnehmung ist durch die Erkrankung so gestört, dass sie sich im Spiegel deutlich dicker sieht als sie wirklich ist. Die junge Frau ist überdurchschnittlich intelligent, leistungsorientiert und hatte scheinbar nie Probleme gemacht oder gehabt. Als Erkrankte hungert sie exzessiv und – leider – sehr erfolgreich. Das Hungern kann gravierende Folgen haben: Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, spröde Knochen, Muskelschwäche u.a.m. Etwa 5 % aller anorektischen Patienten sterben an ihrer Erkrankung.

Eine typische bulimische Patientin (auch hier sind viel mehr Frauen betroffen) ist älter als die anorektische – meist Anfang bis Mitte 20. Ihr sieht man ihre Erkrankung nicht an, denn sie hat meist Normalgewicht oder ist leicht übergewichtig. Bei ihr führt das restriktive Essen oder Fasten zu unkontrollierbaren Essanfällen. Dabei nimmt die Patientin so große Essensmengen zu sich, dass sie entweder unwillkürlich erbricht oder das Erbrechen absichtlich herbeiführt. Es entsteht ein Teufelskreis aus Fasten, Heißhungerattacken und Erbrechen. Dies kann schwerwiegende körperliche Folgen haben: Durch die Störung des Elektrolythaushaltes kann es u.a. zu Herzrhythmusstörungen, Nierenschäden und epileptischen Anfällen kommen.

Als Ursachen für beide Formen der Essstörung gelten der gesellschaftliche Druck des Schönheitsideals, möglichst schlank zu sein, der individuelle stark ausgeprägte Wunsch nach Selbstkontrolle und Abgrenzung, genetische Einflüsse sowie belastende Ereignisse.
Man nimmt an, dass in Deutschland mindestens 220.000 Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren an Anorexie oder Bulimie leiden. Demgegenüber steht jedoch auch ein mittlerweile gut aufgestelltes Therapieangebot, das Betroffenen Mut machen kann: Geschulte Psychologen und Ärzte behandeln sowohl ambulant in den Praxen wie auch stationär in Fachkliniken. Es gibt Selbsthilfegruppen und Internetforen, die auch die Angehörigen unterstützen.