Sorgen und Grübeleien

Sorgen über Sorgen

Wenn das Sorgen überhand nimmt und zu einer Heimsuchung aus peinigenden Gedanken wird, machen Sorgen krank oder sind Kennzeichen einer Krankheit. In der Psychologie kennt man z.B. :

Hypochondrie – nicht zutreffende Sorge, ernsthaft erkrankt zu sein

Hier bewirkt eine harmlose Veränderung der Körperwahrnehmung eine ernsthafte Sorge: Ein Hüsteln führt zu der Angst, womöglich an Lungenkrebs erkrankt zu sein; jedes normale Bauchgrimmen löst die Befürchtung aus, ein Magengeschwür zu haben. Selbstbeschwichtigungsversuche „wird schon nichts Schlimmes sein“, helfen dann nur kurz. Die Befürchtung, wirklich ernsthaft erkrankt zu sein, führt dazu, dass nach immer mehr Informationen gesucht wird, um Sicherheit zu erlangen und sich zu beruhigen. Dafür wird dann verstärkt in sich hinein gespürt, das Internet nach passenden Symptomen durchsucht, und im Bekanntenkreis wird gefragt, ob jemand Erfahrung mit dieser schlimmen Krankheit hatte. Aber leider führt diese Vorgehensweise nicht dazu, dass Angst und Sorgen abnehmen! Im Gegenteil, sie werden schlimmer! Denn bei all dem Nachforschen wird immer etwas gefunden, was weiter beunruhigt. „Sodbrennen und Übelkeit“ liest der Mensch mit Bauchgrimmen bei google, können ebenfalls auf ein Magengeschwür hinweisen. „Das hab ich auch“, denkt er, dem mittlerweile schlecht vor Angst ist. Er sorgt sich weiter, sucht nach weiteren Anzeichen der befürchteten Erkrankungen, findet vermeintlich welche, sorgt sich noch mehr und kann irgendwann an nichts anderes mehr denken. Eine ausgeprägte Hypochondrie geht mit viel Leid einher.

Generalisierte Angststörung – Sorgen als Kontrollversuch

Hierbei ist die Gesundheit nur ein Teil dessen, worum sich gesorgt wird. Betroffene sorgen sich auch darum, dass sie oder Angehörige in schlimme Situationen geraten könnten. Da kann ein nur gemurmeltes statt laut ausgesprochenes „Guten Morgen“ vom Chef eine ganze Sorgenkette auslösen: „Mein Chef ist unzufrieden mit mir. Bestimmt denkt er schon über meine Kündigung nach. Ab nächsten Monat werde ich ohne Job sein. Dann werde ich meine Miete nicht mehr zahlen können. Dann werde ich obdachlos, und das ist eine Katastrophe.“ Wenn die Tochter von ihrem geplanten Sommerurlaub erzählt, fallen dem an generalisierter Angststörung erkrankten Menschen sofort sehr viele Dinge ein, die schief laufen könnten: Der Reifen könnte auf der Autobahn platzen, auf dem Rastplatz könnte die Tochter überfallen werden, sie könnte im Ausland schlimm erkranken und keiner wäre da, der ihr helfen kann, usw. Die Grundempfindung bei der generalisierten Angststörung ist eine ständige Überforderung; es herrscht der Eindruck vor, dem Leben quasi hilflos ausgeliefert zu sein und keine Kontrolle zu haben. Die Sorgen, die sich der Erkrankte macht, sind ein Versuch, Kontrolle wiederzuerlangen: Indem möglichst viele Dinge, die schief gehen könnten, bedacht werden, soll verhindert werden, dass sie eintreffen. In einem gewissen Umfang ist es ja auch sinnvoll, „Vor-Sorge“ zu treffen, aber jede Eventualität zu berücksichtigen, ist unmöglich.

Depressionen – Sorgen, die herunterziehen

Bei Depressionen nehmen die Sorgen eher die Qualität von Grübeleien an. Da wird das gemurmelte „Guten Morgen“ vom vorherigen Beispiel eher zu einer solchen Gedankenkette führen: „Ich hab bestimmt etwas falsch gemacht, wenn der mich nicht richtig grüßt. War ja klar. Nichts mache ich richtig. Kein Wunder, dass mich keiner wirklich mag. Ich werde es nie schaffen. Warum strenge ich mich überhaupt noch an. Hat doch alles keinen Sinn mehr…“ Der Erkrankte nimmt die Welt durch eine dunkle Brille wahr, er sieht sich selbst, die Welt und die Zukunft pessimistisch. Wenn er in solche Grübelketten gerät, wirken diese wie Mühlsteine und lassen ihn immer tiefer in den depressiven Strudel geraten. Therapeutisch werden gegen diese zerstörerischen Grübeleien Maßnahmen eingesetzt, die dem Betroffenen helfen, schon zu Beginn der Grübelkette auszusteigen und zunehmend Kontrolle über seine negativen Gedanken zu erlangen.

Das Ziel: Sorg-los, nicht fahrlässig

„Es ist besser, Deiche zu bauen, als darauf zu hoffen, dass die Flut allmählich Vernunft annimmt.“ (Hans Kasper)

In der Therapie oder Selbstbehandlung lautet der Königsweg zu erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht. Dann gilt es, herauszufinden, wie wir angemessen Sorge tragen können. Bei Sorgen um die Gesundheit hieße das z.B. abzuklären, welche Untersuchungen wann empfehlenswert sind, und diese – und nur diese! – in Anspruch zu nehmen. Außerdem gilt zu erkennen, was uns körperlich und seelisch gut und möglichst viel davon zu tun.
Für alle anderen Dinge, die unwägbar scheinen, wäre es hilfreich, so viel Vertrauen in sich selbst, sein Umfeld und vielleicht in das Leben selbst oder Gott zu entwickeln zu können, dass wir es aushalten, mit einer Restunsicherheit zu leben:

Es gibt nur einen Weg zum Glück und der bedeutet,
aufzuhören mit der Sorge um Dinge,
die jenseits unseres Einflussvermögens liegen. (Epiktet)